Zur Pensionsdebatte: 70 ist das neue 53

Menschen bleiben im Alter immer länger bei immer besserer Gesundheit. Es ist Zeit, das auf das Arbeits­leben umzulegen.

Es gibt eine uneingeschränkt gute Nachricht für die Menschheit: Wir leben länger, und wir altern besser. Viel besser. Jedes Jahr steigt die durchschnittliche Lebenserwartung um drei Monate – seit 150 Jahren. Eine 1941 geborene, in Österreich lebende Frau hat heute eine Lebenserwartung von 84 Jahren; in ihrem Geburtsjahr wurden für sie nur 61 Jahre prognostiziert. Die damalige „Sterbenserwartung“ war viel zu pessimistisch. Auch die heute von Demografen prognostizierte Lebenserwartung dürfte angesichts der rasanten Fortschritte der Medizin mit hoher Wahrscheinlichkeit zu niedrig sein. Natürlich hält dieser Trend nicht immer und überall – in den USA etwa hat die Lebenserwartung leicht abgenommen –, er ist aber insgesamt sehr stabil.

Uns gelingt nicht nur, an das Lebensalter unserer Vorfahren nach und nach immer mehr Jahre anzuhängen, sondern auch, die Jahre körperlicher und geistiger Gesundheit zu mehren. Laut einer neuen Studie des Internationalen Währungsfonds (IMF) ist eine heute 70-jährige Person körperlich ähnlich fit wie eine 56-Jährige im Jahr 2000, in geistiger Hinsicht sogar wie eine 53-Jährige. Wir sind in nur 25 Jahren biologisch um weit mehr als ein Jahrzehnt „jugendlicher“ geworden. Das muss der Ausgangspunkt jeder seriösen Pensionsdebatte sein.

Mit dem gesunden Altern erreichen wir eine demografische Wende: In den nächsten Jahren werden alle entwickelten Länder den Punkt erreicht haben, ab dem der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15 bis 65) an der Gesamtbevölkerung zu sinken beginnt. Die Erwerbsquote, das Verhältnis von erwerbsfähigen Personen zur Gesamtbevölkerung, schrumpft von 67 Prozent im Jahr 2000 zu aktuell 63 Prozent auf nur noch 57 Prozent 2040. Wenn sich die Beschäftigung bei stabiler Arbeitslosigkeit im gleichen Verhältnis verändert, senkt allein dieser Rückgang das BIP pro Kopf in den entwickelten Volkswirtschaften auf Werte deutlich unter jene von 2000. Das Pensionsalter müsste rechnerisch auf 72,5 Jahre steigen, um gegenzusteuern.

Fünf Jahre länger arbeiten

Ganz so schlimm ist es nicht: Laut Eurostat dauert das effektive Arbeitsleben nicht 50 Jahre (Dauer der Erwerbsfähigkeit), sondern rund 34 Jahre. Damit fällt die erforderliche Verlängerung weniger dramatisch aus. Zwischen 2000 und 2075 sind das fünf Jahre, um den negativen Effekt auf die Beschäftigungsquote zu neutralisieren. Hinzu kommt: In den entwickelten Ländern hat sich seit 2000 das durchschnittliche effektive Arbeitsleben bereits um vier Jahre verlängert. Seit damals ist der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung von 46 auf 48,3 Prozent gestiegen. Die Menschen bleiben von sich aus beruflich aktiver. Sie nutzen die gewonnene gesunde Lebenszeit, auch um weniger von der staatlichen Pension abhängig zu sein. Angesichts dieser Zahlen braucht es von der Bevölkerung also nur noch einen begrenzten zusätzlichen Beitrag.

Das Problem: Diese Zahlen gelten für entwickelte Länder, nur Österreich ist eine Insel der Unseligen. Hier werden die aktiven Arbeitsjahre nicht mehr, sondern weniger; das effektive Pensionsantrittsalter hat sich seit einem halben Jahrhundert nicht verändert, der Teilzeitanteil steigt. In Summe werden weniger Arbeitsstunden geleistet als in der Vergangenheit. Aus diesen Gründen ist eine Pensionsreform, die auf eine Verlängerung des Erwerbslebens abzielt, in Österreich besonders dringlich. Es geht nicht darum, die Errungenschaften der Vergangenheit wieder rückgängig zu machen, sondern darum, die geglückte Verlängerung eines gesünderen Lebens auch auf das Arbeitsleben umzulegen.

Beim Ausbau der staatlichen Pensionen ging es darum, der arbeitenden Bevölkerung ein menschenwürdiges Lebensalter zu ermöglichen. Das haben wir erreicht. Mit der Zeit jedoch wurde eine immer größere Last auf die Schultern der arbeitenden Bevölkerung der Zukunft gelegt. Diese Finanzierung der Pensionen ist bereits heute nicht mehr tragfähig. 2025 wird das Loch zwischen Pensionsbeiträgen der Steuerzahler und ausbezahlten Pensionen durch gigantische Zuschüsse des Bundes gestopft, mit über 30 Milliarden Euro, einem Viertel des gesamten Budgets. Zum Vergleich: Die staatliche Pension der Schweiz, die AHV, nahm um drei Milliarden Euro mehr Beiträge ein, als sie auszahlte. Da sie die Überschüsse der Vergangenheit auf dem Kapitalmarkt anlegte, erzielte sie ein positives Betriebsergebnis von sechs Milliarden.

In Österreich hingegen ist das Pensionslochstopfen bereits ein größerer Ausgabeposten als Bildung, Wissenschaft und Forschung, Landesverteidigung, Inneres, Umwelt und Klima zusammen. Finanziert werden diese Zuschüsse weitgehend auf Pump; allein der Bund muss dieses Jahr zusätzlich 18 Milliarden Schulden aufnehmen.

Es geht darum, den kommenden Generationen der Erwerbstätigen wieder Luft zu verschaffen, damit sie unser Pensionssystem weiter schultern können. Damit wir uns Schulen, Universitäten, Polizei, Heer, eine intakte Umwelt und vieles mehr leisten können. „Soziale Kälte“ wäre es hingegen, unser Pensionssystem sehenden Auges an die Wand zu fahren.

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