Hauptsache, in ein Kastl stecken und Deckel drauf

Replik auf Christian Ortner: Das Konzept „Österreich“ ist nicht wie ein Lipizzaner-Gestüt am Genpool zu messen.

Vor genau einer Woche hat Christian Ortner an dieser Stelle von einer „gigantischen Kluft“ geschrieben, die in der Migrationsfrage das politische Personal von den Alltagserfahrungen der Wählerschaft trenne, und mich als Exempel für das von ihm ausgemachte politische Fehlverhalten ausgemacht. Ich erlaube mir, darauf zu antworten.

Einige notwendige Richtigstellungen: Ich halte, anders als Christian Ortner meint, die österreichische Wählerschaft keineswegs für „gemeines Stimmvieh“, bin in meiner politischen Ausrichtung tatsächlich ein Liberaler, ganz ohne „sogenannt“, und ich bin nicht EU-Abgeordneter, sondern ein in der Steiermark gewählter Nationalrat. Ortner ist auffällig bemüht, mich irgendeiner offenbar verachtenswerten Gruppe von Menschen zuzuordnen, anscheinend egal, welcher: den „sogenannten liberalen politischen Eliten“, der „Kaste der internationalen Führungskräfte“, der „regierenden Klasse“. Hauptsache, in ein Kastl stecken und Deckel drauf. Etwas Recherche und ein sanftes Lektorat hätten Ortners Text gutgetan.

Zur Sache: Der Artikel bezieht sich auf einen Wortwechsel zwischen mir und Professor Ralph Schöllhammer. Dieser hatte sich auf X als Untergangsprophet betätigt und aus dem jeweiligen statistischen Anteil von Kindern mit nicht im Land geborenen Eltern geschlossen, Ungarn werde auch in 100 Jahren noch ungarisch sein, Deutschland und Österreich hingegen nur noch „Namen auf einer Landkarte“.

Das klingt poetisch, ist aber, nun ja, nicht mehr als das. Stellen Sie sich vor, jemand hätte ebendas im Jahr 1925 behauptet: Wie würden wir heute darauf antworten? Eine Prognose über hundert Jahre, wie groß die Bevölkerung und was ihre Zusammensetzung sein wird, ist Kaffeesud-Lektüre. In der Prognose des Statistischen Zentralamts aus dem Jahre 1985 sollte die Bevölkerung Wiens bis 2015 von 1,5 auf 1,2 Millionen schrumpfen. Tatsächlich waren es 1,8 Millionen, ein Fehler von knapp 50 Prozent – und das mit einem Horizont von nur 30 Jahren.

Schöllhammer meinte auch, dass das Land nur dem Namen nach Österreich sein würde. Nach Bürgerkrieg, Konzentrationslagern und Millionen von Kriegsopfern, nach dem EU-Beitritt – ist das noch das Österreich des Jahres 1925? Oder nur noch ein Name auf einer Landkarte? Es ist natürlich Österreich, so wie es im Jahr 2125 Österreich sein wird – aber halt ein völlig anderes als heute. Das Konzept „Österreich“ ist nicht wie ein Lipizzaner-Gestüt oder eine Schimmelpilzkultur an seinem Genpool zu messen. Natürlich hat der Herr Professor das nicht so gemeint, aber es ging ihm um eine Stimmungsmache, die ich für so gar nicht hilfreich halte.

Mehr als eine Heimat

Ich habe dagegen darauf verwiesen, dass die meisten Kinder, die einen oder zwei ausländische Elternteile haben, einfach Österreicher sind – von Marko Arnautović bis zu meinen Kindern. Wenn Ortner mit einem bosnischstämmigen Versicherungsmakler oder einem deutschstämmigen Kellner reden würde, hätte er entdeckt, dass auch „ganz normale“ Menschen mehr als eine Heimat haben können.

Mit der Zurückweisung von apokalyptischem Kulturalarmismus sind natürlich die Probleme nicht beseitigt, die im Gefolge der Flüchtlingswelle seit 2015 aufgetreten sind. Flexiblere und klügere Politik hätte diese deutlich verringert, von der Überlastung des Sozial- und des Schulsystems bis zur Jugendkriminalität in Wien. Solche Probleme brauchen für ihre Lösung öffentliche Debatten, ebenso sachlich wie offen und schonungslos. Kastldenken verbaut hingegen Perspektiven und verhindert Lösungen, Herr Ortner.

Veit Dengler (* 1968) ist Unternehmer und Mitgründer der Neos, für die er seit 2024 im österreichischen Nationalrat sitzt. Er war CEO der „NZZ“-Mediengruppe und COO der Bauer Media Group.

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