Abstieg oder Aufbruch? Europas und Österreichs Industrie im Härtetest
Zwischen geopolitischem Druck und neuen Chancen: Welche standortpolitischen Weichen Österreich und Europa heute stellen müssen, um im zunehmenden globalen Wettbewerb bestehen zu können.
Im Sommer hatten das Europäische Forum Alpbach (EFA) und die IV-Wien unter dem Titel „Abstieg oder Aufbruch? Europas und Österreichs Industrie im Härtetest“ zu einer gemeinsamen Veranstaltung ins Haus der Industrie geladen. Durch den Abend führte Antonella Mei-Pochtler, Vizepräsidentin des EFA, die gemeinsam mit den Podiumsgästen die Zukunft von Österreichs und Europas Industrie diskutierte. In seiner Begrüßung skizzierte IV-Wien-Vizepräsident und Verbund-CEO Michael Strugl die aktuellen Herausforderungen für Europa: Der Kontinent stehe wirtschaftlich stark unter Druck – während China in Zukunftstechnologien investiere und die USA ihre industrielle Stärke mit milliardenschweren Programmen ausbauten, kämpfe Europa mit hohen Energiekosten, Bürokratie und einer sinkenden industriellen Wertschöpfung.
Europa befinde sich damit gleichzeitig in Konkurrenz mit zwei dynamischen Machtzentren: China entwickele derzeit eine enorme Dynamik bei Zukunftstechnologien; die USA investiere ebenso massiv in Bereiche wie KI, Halbleiter, Pharma und Verteidigung. Europa müsse daher alle Chancen nutzen, die sich böten, so Strugl, der etwa auf das „enorme Potenzial des europäischen Binnenmarkts“ verwies, der endlich zur Gänze vollendet werden müsse.
Grundlagen vorhanden
In seiner Keynote präsentierte BCG-Global Vice Chair Nikolaus Lang im Anschluss die zehn geopolitischen Kräfte, die die Wirtschaft 2026 prägen würden. Zu den wichtigsten Entwicklungen zählen dabei ein selbstbewussteres China, die „America First“-Politik der USA, ein wirtschaftlich herausgefordertes Europa, der Aufstieg des Globalen Südens sowie der globale Wettlauf um künstliche Intelligenz und strategische Technologien.
Besonders kritisch sah Lang Europas und Österreichs Fähigkeit, Innovationen erfolgreich zu skalieren: Forschung und technologische Kompetenzen seien zwar vorhanden, doch scheitere man hierzulande daran, diese rasch in marktfähige Produkte zu übersetzen. Das Level der „Exploration ist gut, aber jenes der Exploitation nicht“, brachte es Lang auf den Punkt. Gleichzeitig fehle es oft an ausreichend Kapital, um Innovationen großflächig umzusetzen.
Insgesamt sei Europa aber keineswegs chancenlos, allerdings gebe es viel zu tun. Neben einem Abbau der Bürokratie brauche es etwa eine echte europäische statt nationale Energiepolitik, bessere Rahmenbedingungen für Startups und Scaleups, eine Stärkung des Kapitalmarkts sowie die bereits erwähnte Vollendung des Binnenmarkts.
Chancen auch nutzen
In der anschließenden Diskussion betonte Peter Hanke, Bundesminister für Innovation, Mobilität und Infrastruktur, die Bedeutung einer engen Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft: „Allein wird es die Politik nicht richten.“ Gleichzeitig kündigte Hanke an, weiterhin massiv in die Infrastruktur investieren zu wollen. Um den Standort zu stärken, brauche es aber zudem auch mehr Geschlossenheit und Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.
Sabine Herlitschka, CEO von Infineon Austria, verwies auf Europas vorhandene Stärken in Schlüsseltechnologien. Mit Blick auf die Rolle von Halbleitern für die digitale Transformation sagte sie: „No AI without power“ – KI benötige sowohl leistungsfähige Chips als auch ausreichend Energie; und im Bereich energieeffizienter Chips sei Infineon Vorreiter. Der Unternehmer und Nationalratsabgeordnete Veit Dengler forderte mehr Mut und mehr „Pragmatismus und Realismus in der Diskussion“: Produktivität müsse wieder stärker in den Mittelpunkt rücken und Innovation durfte nicht schon im Vorhinein durch übermäßige Regulierung abgebremst werden.
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Frage, wie Europa wieder mehr Investitionen mobilisieren kann. Lang verwies auf die Bedeutung funktionierender Kapitalmärkte: „Wirtschaft braucht Investitionen, Investitionen brauchen Kapital.“ Strugl ergänzte, dass die Bereitschaft, zu investieren, durchaus vorhanden sei, allerdings müsse man die Rahmenbedingungen weiter verbessern.
> Wie Antonella Mei-Pochtler es abschließend auf den Punkt brachte: Europas Zukunft ist nicht vorgegeben. Der Kontinent verfügt über die Innovationskraft und das Know-how, um im globalen Wettbewerb erfolgreich zu bestehen. Jetzt gelte es aber, die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen, Investitionen zu mobilisieren und technologische Stärken konsequent auszubauen. Die Voraussetzungen für den Aufbruch seien durchaus vorhanden – nur müsse man sie eben auch konsequent nutzen.